Integrationsdebatten in Frankreich und Deutschland: Unterschiedliche Konzepte für dieselben Probleme?

Maximilian Müller-Härlin

„Die Schulsprache unserer Schule ist Deutsch. (...) Jeder Schüler ist verpflichtet, sich im Geltungsbereich der Hausordnung nur in dieser Sprache zu verständigen.“ So lautet seit 2005 ein Paragraph der Hausordnung der Herbert-Hoover-Realschule im Berliner Wedding. Zentrales Problem der Schule war, dass die Schüler außerhalb des Unterrichts Türkisch, Libanesisch, Portugiesisch und Polnisch sprachen, was zu Gruppenbildung und zahlreichen Konflikten führte. Dank der neuen Regelung, die konkret die Deutschkenntnisse der zweiten und dritten Gene-ration von Zuwanderern im Visier hat, verbesserte sich die Situation.
Szenenwechsel. In einem Interview mit der israelischen Zeitung Ha’aretz vom November 2005 sprach der französische Philosoph Alain Finkielkraut, vom „ethno-religiösen Charakter“ der Unruhen in den französischen Banlieues, an denen primär Jugendliche aus Migrantenfamilien beteiligt waren, und einem „pogrom républicain“, einem tödlichen Anschlag auf die Republik.
Die beiden Beispiele verweisen auf Kernthemen der jeweiligen Debatten über Integration und Chancengleichheit in Deutschland und Frankreich: Sprache und Kultur hier, republikanisches Selbstverständnis und universelle Werte dort. Sie belegen, dass sich diese Debatten stark unterscheiden und auch die Probleme nicht alle die selben sind.

Das französische Modell der Integration ist vom Begriff der Assimilation gekennzeichnet, denn die Idee der Republik bestand seit der Französischen Revolution darin, aus allen Menschen innerhalb der Staatsgrenzen Bürger der einen, unteilbaren, demokratischen Republik zu machen. Erst die Gegenwart stellt das Ideal infrage: Die Erfahrung von Diskriminierung im Alltag und der Tatsache, dass sich soziale Verhältnisse von Generation zu Generation vererben, höhlen den Kerngedanken der „égalité“ aus.

Auf der deutschen Seite gibt es kein vergleichbares Integrationsmodell, da Deutschland bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs kein Einwanderungsland war und die Staatsangehörigkeit bis zur Reform im Jahr 2000 anders als in Frankreich nicht als Integrationsziel definiert wurde. Außerdem führt das föderale System dazu, dass Bildungspolitik aber auch die Einbürgerung Sache der Bundesländer und damit keinem einzigen Modell verpflichtet sind. Der französischen Idee des Fortbestands der Republik steht die Idee der Kultur- im Unterschied zur Staatsnation gegenüber.

Die bestehenden Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich im Staats- und Gesellschaftsverständnis, im Umgang mit dem Anderen und damit im Verhältnis von Einheimischen und Zuwanderern sind eine Chance, vom Anderen zu lernen, und zwischen kulturellen, ethnischen, religiösen und sozialen Problemen zu differenzieren. Vom Anderen zu lernen ist nicht zuletzt das erklärte Ziel der deutsch-französischen Initiative zu Integration und Chancengleichheit, die beide Regierungen als politische Schlüsselaufgaben definiert haben.

(c) Zeitschrift Dokumente

Vollständiger Artikel in Dokumente (6/2006)

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