Gewerkschaften vor der Erosion - Dokumente 4/07

In Frankreich und Deutschland schwinden die Mitglieder

Patrick Le Bihan

In Frankreich und Deutschland schwinden die Mitglieder

Patrick Le Bihan

Jeder fünfte deutsche Arbeitnehmer ist Mitglied einer Gewerkschaft, in Frankreich nur jeder zehnte. Und in beiden Ländern hält der Mitgliederschwund an. Wie ist dieser massive Rückgang zu erklären?

Die Zahl der gewerkschaftlich Gebundenen ist in Frankreich seit 1950 beständig, in Deutschland seit der ersten Hälfte der 1990er Jahre zurückgegangen, so dass sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad in beiden Ländern heute auf seinem niedrigsten Niveau seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befindet. In Deutschland blieb er von 1960 bis 1980 stabil (37–38 Prozent), ab 1983 war ein erster Rückgang zu verzeichnen. Die Wiedervereinigung führte zu einem Zustrom neuer Gewerkschaftsmitglieder, danach jedoch sank der gewerkschaftliche Organisationsgrad in bis dahin nicht gekanntem Ausmaße: Im Jahr 2000 belief er sich im vereinten Deutschland auf nur noch 26,6 Prozent. Der starke Rückgang der Quote ist dabei vorwiegend auf die Entwicklung der Mitgliederzahlen des DGB zurückzuführen. Die Mitgliederzahl sinkt seit 1991 beständig, im Jahr 2005 waren noch 6,77 Millionen Mitglieder eingeschrieben.
In Frankreich ist der Rückgang der Mitgliederzahlen noch deutlicher, auch wenn der zeitliche Verlauf ein anderer ist. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad lag nach dem Zweiten Weltkrieg bei fast 30 Prozent, fiel aber ab Ende der 1950er Jahre auf etwas über 15 Prozent, bis er in der ersten Hälfte der 1970er Jahre knapp 20 Prozent erreichte. Gegen Ende der 1970er Jahre setzte wieder ein Rückgang ein, der bis zur Mitte der 1990er Jahre zu einer Quote von nur noch 8 Prozent der Beschäftigten führte. Seither verharrt sie mehr oder weniger auf diesem Niveau. Damit ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Frankreich in 50 Jahren praktisch auf ein Viertel seines Ausgangswertes gesunken. Er ist heute der niedrigste von allen OECD-Ländern. Der sukzessive Mitgliederschwund ist vor allem an der Entwicklung des Mitgliederbestandes der Confédération générale du travail (CGT) abzulesen, die traditionell der Kommunistischen Partei nahe steht; 2004 lag die Mitgliederzahl sie Angaben der CGT zufolge bei 715 000.

Neben unzureichenden Erklärungsansätzen zur Veränderung der Produktionsstrukturen (schwindende Bedeutung des industriellen Sektors) und Gesellschaften (zunehmende Individualisierung und Atomisierung) liegt die Ursache vor allem in der mangelnden Fähigkeit der Gewerkschaften, konkrete Vorteile und Dienstleistungen anzubieten. Dieser Erklärungsansatz geht von den Kosten und Nutzen der Einzelperson aus, einer Gewerkschaft beizutreten. Bei den Kosten zählt natürlich der Gewerkschaftsbeitrag, beim Nutzen die Gesamtheit der von der Gewerkschaft angebotenen öffentlichen und/oder privaten Vorteile. Diese können sehr unterschiedlicher Art sein: Lohnverbesserungen, aber auch nicht-finanzielle Vorteile wie bessere Arbeitsbedingungen. Das Dilemma der Gewerkschaften ist allerdings, dass die meisten Vorteile, die sie anbieten, kollektiver Art sind, und – sind diese einmal errungen – kein Beschäftigter daran gehindert werden kann, davon Gebrauch zu machen. Außerdem war es weder in Frankreich noch in Deutschland das Ziel der Regierungen, die Nicht-Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft in der einen oder anderen Form zu sanktionieren (vgl. angelsächsische "closed-" oder "union-shop"-Regelungen).
Der Mitgliederschwund ist also das Ergebnis einer nachlassenden Fähigkeit der Gewerkschaften sein, Vorteile anzubieten, die einen Anreiz zum Gewerkschaftsbeitritt darstellen, sowie eines verringerten moralischen und legalen Drucks auf die Beschäftigten, die einen Beitritt ablehnen. Auch die Sozialpolitik der verschiedenen französischen Regierungen hat die Möglichkeiten der Gewerkschaften, solche Anreize zu schaffen, zunichte gemacht (z.B. die Einführung des garantierten Mindestlohns SMIG/SMIC). Und schließlich hat die Tatsache, dass die Gewerkschaften immer stärker in den institutionellen und bürokratischen Gremien – wie der Verwaltung verschiedener Sozialversicherungskassen – verankert sind und aus dieser Arbeit verschiedene Einnahmen erzielen, dazu geführt, dass ihr Einfluss nicht mehr auf der Zahl ihrer Mitglieder (und deren Beiträge), sondern auf dieser institutionellen Verankerung beruht. Dies verringert wiederum ihr Interesse an Bemühungen um neue Mitglieder.
Zu diesen Gründen gesellen sich in Deutschland die strategischen Fehler, die die Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten begangen haben. So hat der Ruf der deutschen Gewerkschaften stark unter dem Konkurs einiger Unternehmen in ihrem Besitz gelitten, aber auch unter den Börsenspekulationen, die sie in 1970er und 1980er Jahren betrieben haben. Doch es waren vor allem die Fehler in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung, die zahlreiche Beschäftigte veranlasst haben, sich vom DGB abzuwenden.

Fasst man alle diese Elemente zusammen, so kann man die Behauptung aufstellen, dass Ursa-che des Mitgliederschwundes bei den deutschen und französischen Gewerkschaften weniger die Entwicklungen der Produktionsstrukturen oder die gesellschaftlichen Entwicklungen sind. Die Ursache ist vielmehr ihre Unfähigkeit, sich den Beschäftigten als wirkliche Verteidiger ihrer Inter-essen darzustellen und sich als Dienstleister für Arbeitnehmer zu begreifen. Angesichts der Tatsache, dass unsere moderne Wirtschaft immer stärker auf einer hohen Qualifikation der Beschäftigten beruht und die zur Sicherung des Arbeitsplatzes erforderlichen Qualifikationen sich immer schneller wandeln, könnten sich die Gewerkschaften zum Beispiel aktiv an der Weiterbildung ihrer Mitglieder beteiligen. Um ihr Ansehen bei den Beschäftigten zu verbessern, sollten sie außerdem stärker die Auswirkungen ihrer Tarifverhandlungsforderungen auf den Arbeitsmarkt berücksichtigen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Gewerkschaften größere Chancen haben werden, neue Mitglieder zu gewinnen, wenn die Beschäftigten in ihnen die Verteidiger des Arbeitsmarktes insgesamt und nicht die Verteidiger einer bestimmten Minderheitsgruppe von Arbeitnehmern sehen.

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Nützliche Links

- Gewerkschaften Deutschlands

www.dgb.de www.dbb.de www.cgb.info

- Gewerkschaften Frankreichs

www.cgt.fr www.cfdt.fr www.force-ouvriere.fr www.cftc.fr www.cfecgc.org

Praktische Tipps