Cannes 2007 auf ARTE - "Auf der anderen Seite" von Fatih Akin

Überzeugendes Erzählkino mit glaubwürdigen deutsch-türkischen Themen und Figuren

(De l’autre côté/ The edge of heaven)
Deutschland/ Türkei
Mit: Baki Davrak (Nejat Aksu), Tuncel Kurtiz (Ali Aksu), Patrycia Ziolkowska (Lotte Staub), Hanna Schygulla (Susanne Staub)

Cannes 2007 - Offizieller Wettbewerb - 23. Mai 2007

Überzeugendes Erzählkino mit glaubwürdigen deutsch-türkischen Themen und Figuren

(De l’autre côté/ The edge of heaven)
Deutschland/ Türkei
Mit: Baki Davrak (Nejat Aksu), Tuncel Kurtiz (Ali Aksu), Patrycia Ziolkowska (Lotte Staub), Hanna Schygulla (Susanne Staub)

Cannes 2007 - Offizieller Wettbewerb - 23. Mai 2007

Synopsis

Nejat, ein deutscher Germanistikprofessor mit dem, was man wohl einen türkischen Migrationshintergrund nennt, kümmert sich liebevoll um seinen in Bremen lebenden alten Vater Ali, bei dem er nach dem frühen Tod der Mutter allein aufgewachsen ist. Ali will noch einmal mit einer Frau leben und lädt die türkische Prostituierte Yeter ein, bei ihm zu wohnen.

Als er betrunken ist und sie sich ihm verweigert, schlägt er zu, Yeter stürzt unglücklich und stirbt. Nejats Vater Ali kommt in Haft und wird später in die Türkei abgeschoben, Nejat – der Yeter sehr mochte – macht sich in Istanbul auf die Suche nach ihrer Tochter Ayten. Die gehört jedoch zu einer politischen Widerstandsgruppe, flieht vor der Polizei nach Deutschland und verliebt sich dort in Lotte, eine bei ihrer Mutter Susanne lebende, bürgerliche Studentin, die sich für Menschenrechte engagiert.

Als Ayten abgeschoben wird und in einem türkischen Frauengefängnis landet, folgt Lotte ihr Hals über Kopf nach und wird dort von einem Kind mit genau der Waffe erschossen, die sie an Aytens Untergrundgruppe übergeben sollte. Immer enger verknüpfen sich die Handlungsfäden, laufen die Geschichten der einzelnen Figuren aufeinander zu...

Kritik

Nach seinem mehrfach preisgekrönten Film „Gegen die Wand“ (Berlinale-Gewinner 2004), war der Erwartungsdruck für Fatih Akin sehr hoch, wie er in der Cannes Pressekonferenz auch betonte. Offensichtlich hat ihm der Druck jedoch nicht geschadet, den er hat einen mindesten ebenso guten, wenn auch ganz anderen Film gemacht. Die wieder von Akin selbst geschriebene Geschichte, erscheint beim Lesen zunächst etwas kompliziert, da die Einzelgeschichten erst nach und nach miteinander verbunden werden, der Film entwickelt die ganze Handlung jedoch so klar strukturiert, stimmig und mit sicherem Gespür für Timing, dass man nirgends die Orientierung verliert und immer ganz nah an den verschiedenen Figuren bleibt.
Es ist schon bewundernswert, wie die Regie diese komplexe Geschichte, in der so viele Zufälle und Begegnungen sich gegenseitig beeinflussen und bedingen, zusammen führt und den Spannungsbogen aufrecht hält.

„Auf der anderen Seite“ ist wesentlich ruhiger und unspektakulärer erzählt als „Gegen die Wand“, die atemlose, emotionale Wucht hat jetzt einem fast gelassenen Rhythmus Platz gemacht, der die Bilder atmen lässt und den schicksalhaften Verkettungen neugierig, aber unaufgeregt folgt, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. Das ist großes Erzählkino, das nicht an seinem eigenen Kunstanspruch scheitert, wie es bei manchen Wettbewerbsfilmen zu beobachten ist, zuletzt gerade wieder bei „The man from London“ von Béla Tarr.

Fatih Akin ist ein Regisseur, dem seine Geschichte wichtig ist , er erzählt sie gut und er glaubt offensichtlich daran, dass gute Geschichten Menschen bewegen und verändern können. Deshalb spielt im Film auch der schön, klar und bewegend erzählte türkische Roman „Die Tochter des Schmieds“ von Selim Özdogan, den der Sohn dem Vater noch vor dem fatalen Streit mit Yerte schenkt, eine gewisse metaphorische Rolle. Als der Vater das Buch endlich liest, leider viel zu spät, kommen ihm die Tränen, auf die sein Sohn wahrscheinlich schon lange gehofft hat.

Natürlich lassen sich auch Schwächen benennen: Warum der anfangs so sympathisch und locker gezeigte Vater sich plötzlich in eine prügelnden türkischen Macho verwandelt, wirkt zumindest irritierend, Lottes heftiges Engagement und ihr plötzliches Aufbegehren gegen die von Hanna Schygulla berührend verkörperte Mutter, hat etwas klischeehaft-naives, und die leidenschaftliche Liebe zwischen Ayten und Lotte entwickelt sich vielleicht etwas plötzlich. Es sind aber dennoch sehr glaubwürdige Figuren, denn Akin versteht nicht nur, eine Geschichte mitreißend zu erzählen, er hat auch ein gutes Gefühl dafür, wie sich Menschen selbst in Ausnahmesituationen einfach normal menschlich verhalten können. Der positive Wärmestrom, der von dem Film ausgeht, muss keine Abwehrreflexe auslösen, man kann das Leben auch mal von dieser Seite zeigen.

Thomas Neuhauser

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